Morbus Crohn: Die 4 Lügen, die deinen nächsten Schub auslösen
- Kai von "Ich und mein Crohn"

- 9. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Kennst du das Gefühl, funktionieren zu müssen, obwohl dein Körper längst Nein sagt? Nicht ab und zu, sondern jeden Tag.
Menschen mit Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa kennen dieses Gefühl besser als irgendjemand sonst. Und viele von uns haben über die Jahre ein ganzes System entwickelt, um nach außen hin zu funktionieren. Während innen längst etwas anderes passiert.
Ich nenne sie die vier Lügen bei Morbus Crohn. Und ich kenne sie nicht nur aus Jahren Coaching mit Betroffenen. Ich kenne sie aus meinem eigenen Leben. Vor dem Darmriss.
Wenn du gerade das Gefühl hast, irgendwie durchzukommen aber nicht wirklich zu leben, dann ist dieser Artikel für dich. Denn mindestens eine dieser vier Lügen kennst du.
Wahrscheinlich sogar alle vier.
Lüge Nr. 1: „Es geht schon noch." Die gefährlichste Selbsttäuschung bei Morbus Crohn
Das ist die gefährlichste Lüge. Weil sie immer am Anfang steht.
Es ist ja nur ein kleines Ziehen im Bauch, nur ein bisschen Brain Fog heute. Nur ein bisschen Blähungen, passt gerade einfach nicht.
Ich war damals Weltmeister darin, Dinge wegzuleugnen. Vor dem Darmriss war ich ein uninformierter Patient, der einfach weitermachen wollte. Der Alltag lief. Die Termine liefen. Und mein Körper sendete Signale, die ich konsequent ignoriert habe.
Wenn ich heute Schubbegleitungen und Schubreflektionen mache, kommen wir fast immer an genau diesen Punkt zurück.
Irgendwann fingen die Krämpfe an. Irgendwann war Blut im Stuhl. Aber die Basis, die war viel früher.
Zwei Coaching-Gäste fallen mir da sofort ein. Einer hat so lange weggeschaut, bis er psychologische Begleitung brauchte. Ein anderer hat so lange die Symptome zur Seite geschoben, weil alles andere wichtiger war, bis er am Ende tatsächlich einen Darmriss erlebte.
Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt für einen Schub. Aber es gibt einen Moment, in dem wir anfangen, die Warnsignale nicht mehr ernst zu nehmen.
Ich kenne das, denn ich war da. Und ich weiß, wie schwer es ist, das sich selbst einzugestehen.
Lüge Nr. 2: „Alles gut." Die soziale Maske bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Die Standardantwort auf die Standardfrage.
Wie geht's dir? Alles gut.
Man möchte keine Last sein. Man möchte keine Erklärungen abgeben, die sowieso keiner wirklich versteht. Also lächelt man. Und schminkt die Schmerzen nach außen weg.
Das geht bei Menschen mit Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa so weit, dass das eigene Umfeld manchmal gar nicht weiß, wie schwer die Erkrankung wirklich ist. Freunde, Kollegen, manchmal sogar Familie. Sie sehen die Maske und nicht die Realität dahinter.
Diese Maske aufrechtzuerhalten kostet Energie. Energie, die du gerade nicht hast. Energie, die du eigentlich für deinen Körper bräuchtest.
Und das Verrückte daran: Je besser du diese Maske trägst, desto weniger Unterstützung bekommst du. Weil niemand sieht, dass du sie eigentlich brauchst.
Du bist nicht schwach, weil du diese Maske trägst. Du bist erschöpft. Das ist ein Unterschied.
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Lüge Nr. 3: Krank zur Arbeit. Die Leistungsfassade, die direkt in den Schub führt
Das ist mein persönlichstes Kapitel.
Mach mal folgenden Test. Geh in dein Büro und frag, ob jemand ein Schmerzmittel hat. Du wirst viele Hände sehen. Und wenn du schaust, was da rausgeholt wird, teilweise verschreibungspflichtige Opiate.
Wir dopen uns zur Leistungsfähigkeit. Weil wir keine Schwäche zeigen wollen. Im Job nicht, im Homeoffice nicht. Nirgends.
Ich habe Menschen gesehen, die mit 39 Grad Fieber am Schreibtisch saßen. Fiebersenker rein, und weitermachen. Abliefern! Dann am nächsten Tag in der Notaufnahme.
Ich selbst habe mal eine Präsentation gehalten, vor wichtigen Menschen, für einen wichtigen Anlass. Ich war im Vollschub. Alle haben mir danach auf die Schulter geklopft, wie toll das war.
Ich wusste danach nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin.
Krank zur Arbeit = Leistung um jeden Preis. Ich bin kein gutes Beispiel dafür gewesen, aber ein perfektes Warnbeispiel.
Menschen mit Morbus Crohn, die immer wieder in den Schub geraten, finden hier oft einen der größten Hebel. Den Moment, in dem der Körper längst aufgehört hat mitzuspielen, aber der Kopf noch nicht.
Wenn du das gerade liest und dich erkennst, dann weißt du, wovon ich spreche. Und du weißt auch, dass es so nicht weitergehen kann.
Lüge Nr. 4: „Bei uns ist alles okay." Die Schutzlüge gegenüber der Familie
Das ist die schwerste.
Jetzt habe ich schon wieder einen Schub. Jetzt habe ich schon wieder keine Energie. Ich kann meinen Kindern doch nicht zeigen, wie ich da liege.
Also baut man eine Welt. Eine, in der alles irgendwie okay ist.
Das geht so weit, dass Kinder manchmal gar nicht mitbekommen, wie krank Mama oder Papa wirklich sind. Papa ist auf Geschäftsreise, dabei liegt er in der Notaufnahme.
Wenn ich das ausspreche, spüre ich sofort, was das kostet.
Wir geben ohnehin 150 Prozent, um 100 Prozent zu erreichen, die sich nach 80 anfühlen. Und dann bauen wir zusätzlich noch eine Scheinwelt auf. Für die Menschen, die wir am meisten lieben.
Das ist keine Schwäche, das ist der Versuch, zu schützen. Aber es ist auch das, was uns am meisten isoliert, genau dann, wenn wir Unterstützung am dringendsten bräuchten.
Du musst das nicht alleine tragen. Das ist vielleicht der wichtigste Satz in diesem Artikel.
Was jetzt?
Diese vier Lügen sind keine Fehler. Sie sind Überlebensstrategien. Sie haben dir geholfen, durchzukommen, zu funktionieren, weiterzumachen. Das erkenne ich an.
Aber Überlebensstrategien haben ein Ablaufdatum.
Und irgendwann kommt der Moment, in dem du ehrlich hinschauen musst. Nicht um dich zu bestrafen. Sondern um etwas zu verändern.
Nimm dir heute Abend zwei Minuten, nur zwei. Und frag dich ehrlich: Welche dieser vier Lügen habe ich diese Woche angewendet? Schreib es auf. Nur für dich.
Denn du möchtest nicht kurzfristig beschwerdefrei werden. Du möchtest langfristig beschwerdefrei bleiben. Das ist der Unterschied und er beginnt genau hier.
Wenn du dich in einer dieser vier Lügen wiedererkannt hast und merkst, dass du da tiefer ran möchtest, hör in meine aktuelle Podcast-Folge rein. Da gehe ich noch weiter rein, mit Geschichten aus dem Coaching und aus meinem eigenen Leben vor dem Darmriss.
Und wenn du magst, schreib mir, ich lese das.
Hab einen herrlich schubfreien Tag.
Dein Kai 🧯








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